Doris Espel im Interview
Geschrieben von Administrator   
"Lehrer sind einfach nicht darin geübt, sich bewerten zu lassen"
Doris Espel im Interview

Nicht mehr lange, dann steht - und darauf legt unsere Schulleiterin Wert - uns allen die Schulinspektion ins Haus. Im exklusiven Interview mit eurer Lieblingsschillerzeitung spricht Doris Espel über Lehrer und (andere) große Probleme an der Schillerschule. Erfahrt außerdem den überraschenden Grund, warum sie ihren Schülern empfiehlt, trotzdem später einmal Berufspädagoge zu werden.

In ein paar Tagen ist es soweit: Mit Ihnen an der Spitze kommt die Schule ins Schwitzen. Haben Sie Angst?


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Vor der Schulinspektion? Eigentlich nicht. Ich glaube, wir haben den größten Teil der Arbeit hinter uns. Wir haben die ganzen Papiere ausgefüllt, die Daten und Zahlen zusammengetragen. Das wird jetzt nur noch zur Post geschickt und ab dann können wir dem eigentlich gelassen entgegen sehen.

Aber der organisatorische Aufwand, der hinter Ihnen liegt, ist doch tatsächlich enorm. Würden Sie sagen, Sie sind nach Schülerdefinition eine Streberin?

Doris Espel beim Gespräch - "Ja, dann bin ich eine Streberin."

Vielleicht kann man das tatsächlich so sagen. Ich habe schon den Ehrgeiz, wenn wir etwas gut machen, das auch gut nach außen zu tragen. Es wäre ja auch unklug, jetzt unsere vielen tollen Konzepte auf meinem Computer verstauben zu lassen. Ich habe mich schon ins Zeug gelegt. Wenn man so etwas so nennen will, ja dann bin ich eine Streberin. Im Sinne der Schule wohlgemerkt, nicht für mich.

Aktenberge für die Inspekteure:
"Das wird nur funktionieren, wenn von außen jemand hinschaut."
Die Schulinspektion befasst sich ja mit der Schule in ihrer Gesamtheit. Also beispielsweise auch mit dem Zustand des Gebäudes, mit der Raumsituation. Und eben die ist ja bei uns unbestritten in Teilen nicht akzeptabel. Die Schuld dafür liegt aber nicht bei der Schule, sondern bei der Stadt. Wie sinnvoll ist also eine Schulbewertung anhand solcher Kriterien?

Gerade im Bezug auf die Räumlichkeiten kann das ja für uns durchaus positive Konsequenzen haben. Wenn die Inspektoren jetzt sagten: „Das ist hier ein katastrophaler Zustand, wie kann die Stadt das überhaupt dulden, dass die Kinder in solchen Räumen unterrichtet werden?“, dann wäre das für die weitere Entwicklung nur förderlich.

Wie beurteilen Sie das Konzept ‚Schulinspektion’ generell?

Wenn Schule in Zukunft noch mehr Eigenverantwortlichkeit übertragen werden wird; wenn die Lehrpläne geöffnet werden, wenn die Stundenrhythmysierung in eigener Regie verändert werden kann, dann wird das nur funktionieren, wenn von außen auch jemand hinschaut und die Entwicklung beurteilt. Denn wir haben ja eine Verantwortung dafür, dass die Schülerinnen und Schüler einen Abschluss haben, mit dem sie sich auch mit anderen Schulen vergleichen und messen können. Und damit da nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht, ist es schon wichtig, dass von außen jemand die Qualität kontrolliert.

Stichwort Qualität: Unbestritten ist, dass es an unserer Schule auch große Probleme mit einzelnen Lehrern gibt, über die sich reihenweise Schüler und Eltern beschweren; auch über einen längeren Zeitraum hinweg. Wäre eine Einzelevaluation also nicht viel sinnvoller?


Unangenehmes Thema Lehrerqualität: "Das haben Sie gesagt."
Also erstmal: Das mit der Unterrichtsqualität, das haben Sie gesagt. Natürlich kocht jede Schule nur mit Wasser; es gibt überall ganz vorzüglichen Unterricht und sicher auch mal welchen, den die Schüler nicht so empfinden - mag ja auch sein, dass es Gründe dafür gibt, dass die Lehrer es so machen. Es wird auch wirklich viel darüber gestritten, ob so eine Inspektion die Qualität des Unterrichts überhaupt so schnell erfassen kann. Die Inspektoren sagen ja, sie können das. Ich zweifle aber daran, ob man in zwanzig Minuten mit Hilfe eines Beobachtungsbogens tatsächlich den Unterricht eines Lehrers beurteilen kann.

Ich denke natürlich auch, dass wir in Sachen Lehrerqualität zu hören bekommen werden, dass wir Verbesserungsbedarf haben. Wenn man es so will: Schulen und besonders Lehrkräfte sind eben einfach nicht so darin geübt, sich bewerten zu lassen. Da gibt es sicher auch eine gewissen Scheu, die Qualität des Unterrichts - zum Beispiel durch Schüler - abfragen zu lassen.

Der erste Schritt dahin ist ja bei uns schon getan: Die SV hat erste Ansätze gemacht, die ich sehr positiv fand. Aber dass jemand mal kommt und schaut - auch jemand Fremdes - das kann ja auch spannend sein.

Wie schätzen Sie unsere Schule qualitativ ein?

Ich denke, wir sind exzellent (lacht). Auch die Unterrichtsqualität ist - glaube ich - besser als der Durchschnitt. Ich würde sagen, es gibt an unserer Schule sehr viele gute Unterrichtsstunden und es gibt auch sicher Stunden, die mal nicht so gelingen. Ich würde für die Lehrkräfte sagen - und das gilt für mich ganz genauso - , dass jeder gute Tage hat, und mal schlechtere Tage, mal mehr Zeit, sich vorzubereiten, mal weniger Zeit und ich würde auch sagen, dass mit manchen Lerngruppen bessere Stunden gelingen als mit anderen. So etwas einfach mal eben zu evaluieren stelle ich mir schwierig vor.

Frau Espel, ich merke, beim Thema Lehrer reagieren Sie ja tatsächlich ein wenig allergisch. Als Schulleiterin müssen Sie verständlicherweise sicher eher loyal sein in dieser Richtung. Wo sehen Sie also andere große Probleme, die Schiller zurzeit zu tragen hat?

Eines der größten Probleme ist sicherlich unsere räumliche Kapazität. Wenn sich nach den Pausen die Schülermassen an der Treppe zum Turm quetschen müssen, dann kann das eigentlich niemand gut finden.

Ich hoffe hingegen, dass honoriert wird, dass wir schon sehr gute Konzepte und Programme haben darüber, wie wir die Qualität des Unterrichtes wollen. Und wir haben sehr gute Schüler, auch das spielt ja sicher für die Bewertung eine Rolle. Das tut uns auch gut.


"Man muss eine ganze Menge aushalten."
Aber gute Schüler häufen sich doch immer nur dann, wenn sich viele tolle Lehrer um sie tummeln, oder? Was sind denn die Anforderungen an einen Lehrer von heute?

Die sind erstmal schlichtweg ziemlich hoch und das meine ich im Ernst. Ich glaube, dass man einerseits viel fachliche Kompetenz braucht - besonders am Gymnasium. Ältere Schüler merken schnell, ob jemand etwas von seinem Fach versteht oder nicht. Aber das reicht nicht. Wenn jemand viel weiß, muss er noch lange kein guter Lehrer sein. Man muss sich auch zurückdenken können, in das, was man selbst beim Lernen für Schwierigkeiten hatte und einfühlsam überlegen, wie man den Stoff vermittelt.

Dann muss man eine ganze Menge aushalten, denn man steht eigentlich ununterbrochen im Rampenlicht: 25 bis 30 junge Leute, die einen kritisch angucken und auch hinterfragen. Das immer durchzuhalten ist schon nicht so leicht. Zudem braucht man eine ganze Menge Humor. Jemand, der keinen Humor hat, wird es sehr schwer haben im Schulalltag.

Genau hier liegt doch aber die Kritik: Eben diese pädagogischen Fähigkeiten würden nur sehr oberflächig gelehrt. Wenn Studenten während des Referendariats das erste mal ihre Überforderung spürten, dann sei es bereits viel zu spät. Leiden müssten darunter dann vor allem die Schüler.

Der Lehramtsstudiengang ist genau wegen dieser Thematik im Wandel. An der Universität in Hannover gibt es nun bereits im ersten Studienjahr praktische Anteile. Und das ist auch ein Grund, warum wir gerne Praktikanten an der Schillerschule aufnehmen, damit sie schon einmal schauen können, wie das „Feeling“ ist. Da ist auf jeden Fall eine positive Entwicklung zu spüren.

Stichwort Entwicklung: Wie, glauben Sie, sieht ‚Schule’ in 50 Jahren aus?

O Gott, darüber habe ich überhaupt noch nicht nachgedacht. Wissen Sie, wie alt ich dann bin? Lassen Sie mich doch in Kategorien von fünf bis zehn Jahren denken (lacht). Ich hoffe, dass wir dann die Unterrichtsmethoden deutlich verändert haben. Dass aber auch die Schüler dann wesentlich eigenverantwortlicher lernen als jetzt. Das bedarf auch vieler Änderungen bei den Schülern, denn wenn ich heute einer Lerngruppe eine Aufgabe stelle und sage 'macht das mal', dann ist das eher Bequemlichkeit als Eigenverantwortung, was dabei herauskommt. Die Schüler müssen erkennen, wofür sie lernen und warum sie lernen müssen. In der Zukunft werden immer mehr Eindrücke auf einen zu kommen, die gefiltert und sortiert werden müssen.

Fünf bis zehn Jahre sind gute Stichwörter: Nach dieser Zeit muss sich die jetzige Jungschülergeneration überlegen, was sie beruflich machen will. Ist das Lehramtsstudium Ihr heißer Tipp?

Ja, unbedingt. Natürlich nicht für alle, das wären zu viele. Ich würde aber wirklich sagen, das ist ein sehr schöner Beruf, der mich lange getragen hat und auch immer noch trägt. Der Umgang mit jungen Leuten ist einfach eine angenehme Sache. Ich würde das tatsächlich sogar einigen von denen empfehlen, selbst die jetzt noch Stress mit der Schule haben und sagen 'Nix wie weg hier und nie wieder einen Schritt rein in dieses Gebäude'.

Wir als Lehrkräfte müssen noch ein bisschen mehr lernen, mit unserer Zeit umzugehen. Eine Ganztagsschule, die bis vier Uhr nachmittags geht und man dann nichts mehr machen muss, das wäre zum Beispiel ein Paradies für mich. Man ahnt gar nicht, wie viel Lehrer abends und am Wochenende noch am Schreibtisch sitzen und arbeiten.

Muss man denn als Lehrer aber nicht auch mit ungeheurer Ungerechtigkeit umgehen können? In diesem Beruf ist der Kontrast zwischen großem Engagement und simpler Faulheit doch sehr hoch, oder?

Ist das denn nicht in jedem Beruf so?

In anderen Berufen können die schwarzen Schafe aber entlassen werden…


Das sehe ich nicht so: Mir erzählen Bekannte, das sei in der freien Marktwirtschaft genauso. Man sagt, in jedem Betrieb gibt es so eine Drittelparität. Ein Drittel, das den Betrieb nach vorne bringt und sehr innovativ und fleißig ist. Ein Drittel, das mitmachen und die Konzepte der anderen aufgreifen will und schließlich ein letztes Drittel, das sich gerne zurücklehnt und die Produktivität ausbremst. Das gilt für jeden Betrieb und jede Schule - für uns an der Schillerschule natürlich nicht. Bei uns fehlt das faule Drittel ganz einfach...

Dann brauchen wir uns ja keine Gedanken zu machen vor der „großen Prüfung“. Vielen Dank für das Interview, Frau Espel. Und viel Glück uns allen bei der Schulinspektion.


Vielen Dank. Ich finde wirklich, das Glück ist tatsächlich wichtig für uns alle, denn wenn wir da gut abschneiden können, dann ist das ja im Endeffekt eine gemeinsame Leistung.


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