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Geschrieben von Georgia Hädecke   

Narbenbildung

Die deutsche Geschichte ist eine der ereignisreichsten auf unserem Kontinent: Seit jeher müssen sich die Menschen hier immer wieder neu zurechtfinden und sich identifizieren. Georgia erzählt über Narben, die auch noch in unserer Generation vorhanden sind, und den Versuch nach dem Mauerfall ein wirklich geeintes Deutschland zu 'kreieren'.

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Narben für die Ewigkeit?
„Narben verleihen uns Charakter.“ Die meisten Menschen tragen mindestens eine an ihrem Körper. Nie sehen sich zwei ähnlich und doch erkennt man sie immer. Vielleicht liegt ihre Charakter spendende Stärke darin, dass sie ein Stück der Geschichte ihres Trägers erzählen. Unsere Augen-, Haar- und Hautfarben sind von unserer DNA vorbestimmt, doch eine Narbe ist ein Kennzeichen, das uns unser eigenes Leben aufdrückt. Leider sind solche Portraits unserer eignen Vergangenheit meist recht unansehnlich. Man kann sie sich mittels moderner Lasermethoden entfernen lassen.

Biologisch gesehen sind Narben ein kleines Wunder der Natur, ein einzigartiger Beweis für die Fähigkeit eines Organismus, sich selbst zu heilen.

Doch was ist mit Narben, die wir nicht an unserem Körper tragen, Narben, die anorganisch sind? Was passiert, wenn ein Staat in zwei oder mehr Teile zerfällt? Vermag er es, sich selbst zu heilen? Und wenn er das schafft, gibt es für die Sorte Narben, die der Prozess der Wiedervereinigung zurücklässt, eine Lasertherapie?

Der Patient Deutschland ist in punkto Wundbrand und Narbenbildung ein politisches Phänomen. Kein anderer europäischer Staat hat im Verlauf seiner langen Geschichte seine Grenzen so oft geändert, hat so viele Identitäten angenommen und sich so häufig selbst zerstört und neu erfunden.

Was die Realität nicht hergab, erträumte man sich auf dem Papier. „Die schönsten Träume von Freiheit werden in Kerkern geträumt“, schrieb schon Schiller, als er sich im 18. Jahrhundert im Angesicht eines zersplitterten deutschen Reiches nach Einheit, Frieden und Freiheit sehnte. Es war nicht das letzte Mal, dass die Deutschen mit Worten das beschwört haben, was politisches Machtgerangel verhinderte.

So ist die deutsche Einheit nach 1945 auf dem Papier viel älter als man annehmen möchte. 1949 gaben sich sowohl Ost- als auch Westdeutschland eine eigene Verfassung. So stand in der Präambel des westdeutschen Grundgesetzes bereits zu diesem Zeitpunkt: „Damit gilt dieses Grundgesetz für das gesamte Deutsche Volk.“

Der Beginn des Mauerbaus 1961.
Es war ein Signal, ein erster Versuch Deutschland zusammenzuhalten, bevor die Spannung zwischen den beiden Teilen ihren Zenit überhaupt erreicht hatte. Die Spaltung zwischen Ost und West sollte in den kommenden Jahrzehnten noch viel markanter werden. Es folgte eine jahrelange Kältetherapie, „Kalter Krieg“ genannt. Kälte schützt vor Blutverlust, jedoch verhindert sie auch die Wundheilung.



Mit der globalen Erwärmung kam das Tauwetter, in dem 1989 die Berliner Mauer fiel. Zuletzt hat sich Deutschland 1990 wiedervereinigt, ca. 30 Jahre nachdem es sich am Stacheldraht geschnitten hatte. Doch nach der kurzen Freude über die Einheit blieben die großen Gefühle des Triumphes eines Volkes bald auf der Strecke und eines wurde auch dem größten Optimisten klar: Ein Staat ist eine Institution, kein Organismus. Er basiert nicht auf den Gesetzen der Natur, sondern auf denen des Menschen.
Der Mauerfall: Sind die Menschen seitdem glücklicher?

Diese Gesetze sahen sich vor der schwierigen Aufgabe aus zwei Staaten, die sich über 30 Jahre ganz unterschiedlich entwickelt hatten, ein ganzes zu machen. Durch Länderausgleich, Solidaritätszuschläge, Modernisierung von Institutionen und bundeseinheitliche Marktwirtschaft sollte das Land zusammenwachsen. Die Bundesregierung zog wieder von Bonn nach Berlin.

Politisch und auf der Landkarte war Deutschland wieder eins. Die Narben sind dennoch zu sehen in einer Generation, die noch von Ossis und Wessis spricht, die im Osten ein schwarzes Loch für Steuergelder sieht bzw. im Westen ungezügelte Arroganz und skrupellose Wirtschafterei. Über der Hässlichkeit der Narbe scheint diese Generation –die Generation unserer Eltern- manchmal zu vergessen, wie viel Glück sie symbolisiert. Dieses Glück zu suchen, macht sich nun eine neue Generation auf, eine Generation, die die deutsche Teilung in der politischen Theorie nicht mehr erlebt hat…und sie praktisch noch jeden Tag sieht. Sie steckt in der Arbeitslosigkeit, im Lehrstellenmangel, im Tauziehen um die Kinderbetreuung, im Stimmenzugewinn der rechten Parteien.

Bei solchen Aussichten rücken wir im Zweifel näher zu unseren Eltern, sind versucht –oder gezwungen- das zu sehen, was uns trennt, nicht das, was uns verbindet. Auch in Sachen Einheit ist aus unserer Generation die „Generation in der Warteschleife“ geworden. Warten auf ein Gefühl von Zusammengehörigkeit statt nationalistischem Blabla, Warten auf die Lasertherapie.

Therapieversuch WM 06
Versuche solcher Therapien hat es gegeben, die ansatzweise erfolgreichste in letzter Zeit die Fußball WM 2006. Nicht nur Matthias Matussek vermutete da, dass der Jubel der WM auch eine verspätete Freude über die deutsche Einheit war. Die wichtigste Lektion aber war wohl, dass Unterschiede plötzlich egal waren, dass alle Kulturen, Ost und West, Nord und Süd, innerhalb und außerhalb Deutschlands plötzlich ein kleiner Ball verband. Da wollte man nichts mehr als glauben, diese Narbe endlich losgeworden zu sein.

Markanterweise ist dieser Therapieversuch unter dem Stichwort „Märchen“ in die deutsche Geschichte eingegangen, wie etwas, das wieder einmal nur der Feder eines träumenden Schriftstellers entsprungen ist. Genial zwar, aber dennoch Fiktion. Der Wirklichkeit wurde quasi das Copyright entzogen.

„Jedes Neue, auch das Glück, erschreckt“, dichtete Schiller einst. Es scheint, als ob den Deutschen die Einheit etwas so Unbekanntes ist, dass sie sie nicht einmal erkennen, wenn sie ihnen ins Gesicht springt. Wir haben uns an die Narbe so gewöhnt, dass wir eine Vorstellung ohne sie etwas befremdlich finden. Hat sie unserem Land auf eine sonderbare Art vielleicht doch Charakter verliehen, Charakter, von dem wir Angst haben, ihn zu verlieren?

Es mag daran liegen, dass die Deutschen bereits die schmerzliche Erfahrung gemacht haben wie schnell Einheit ihren Charme verliert, wenn sie zu Konformität und Intoleranz mutiert. „Strebe nach Einheit, aber suche sie nicht in der Einförmigkeit“, dieser Rat Schillers wurde schon mehr als einmal von seinen Nachkommen ignoriert. Die letzten Jahre des mühseligen Zusammenwachsens haben Deutschland zwar nicht zu knapp Probleme beschert, doch gleichzeitig haben sie Toleranz und Diplomatie gefordert. Wir haben angefangen, etwas zu leben, was bisher nur auf dem Papier, nur in Geschichten, aber nicht in der Geschichte existierte. Die Narbe, die geblieben ist, ist Symbol für einen langen Weg, der hinter und noch vor uns liegt. Würde man sie weg lasern, vielleicht gingen mit dem Schmerz auch die Erfahrungen verloren. Wenn die Narbe unsichtbar wäre, was würde mit unserem Willen zum Weitermachen passieren, mit unserem Engagement für mehr Toleranz, für ein friedliches und einiges Europa? Und was wäre Europa ohne diese kleine Narbe in seiner Mitte –in seinem geographischen Herz- als Erinnerung daran, wozu die Menschen fähig sind, im Guten wie im Schlechten?

Deutschland ist nicht wie der Sagenvogel Phönix, der verbrennt und aus seiner eigenen Asche unversehrt neu entsteht. Es hat seine Macken, die vielleicht kleiner werden mit der Zeit, doch nie ganz verschwinden. Von Generation zu Generation wird die Narbe kleiner, doch erzwingen kann man es nicht und sollte es auch nicht.

Es ist –wie bei so manchem in der deutschen Geschichte- wie ein westdeutscher in Weimar lebender Friedrich Schiller vor 200 Jahren aufschrieb: „Des Menschen Engel ist die Zeit.“
 
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