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Geschrieben von Petra Ergueta   
Warum nicht auswandern?
Der "Ich bin Superman"-Effekt

Petra hat in ihrem Leben nach dem Schillerarbitur 1985 schon viel von der Welt gesehen: Direkt nach ihrer Schulzeit verließ sie Deutschland, um die Ferne zu entdecken. Studium in England, Abstecher nach Spanien und schließlich rüber nach Frankreich. Dann weg vom Kontinent und noch weiter weg in die USA. Heute lebt sie in Philadelphia, ist verheiratet und hat drei Kinder. Warum sie die in Deutschland nie hätte haben wollen, erklärt sie dir im Pfeil.

Sicher werde ich nun den ein oder anderen Hassbrief von Eltern erhalten, wenn ich hier ein Plädoyer fürs Auswandern halte, aber einer muss es ja machen. 2005 sind mehr Deutsche ausgewandert als in den vergangenen 122 Jahren. Also Ihr liegt voll im Trend...

Das bin ich - Petra Ergueta, geb. Kruse übrigens...
Was ist an anderen Ländern nur so anders, warum kann man nicht auch einfach zu Hause bleiben? Ich habe seit meinem Abitur 1985 mal ein paar Länder getestet. Resultat: Rein prinzipiell sind andere Länder auch nicht besser als Deutschland, eigentlich ist meist eher das Gegenteil der Fall. Warum dann also weg aus Deutschland?

Ich werde jetzt keine Lobeshymnen auf die große Freiheit der USA singen. Oder das spanische Nachtleben. Oder den tollen Käse in Frankreich. Das können ja andere machen, darum geht es hier nicht. Wenn es also nicht um die Attaktionen anderer Länder geht, worum geht es dann?

Es ist der Mensch, der anders wird.

Dieselben langweiligen Alltagssachen sind plötzlich aufregend und verursachen Herzklopfen. So wird aus einem todlangweiligen Trip zum Ordnungsamt plötzlich eine hochbrisante Affäre, wenn man statt vor der Tür zu Hannover IV zu stehen, nun die Treppen von Madrid XII erklimmen muss.

Oder wenn man seinen neuen Boss in den Wahnsinn treibt, weil man wochenlang nicht eine einzige Nummer korrekt notieren kann. Wer ist in Frankreich bloß auf die Idee gekommen, alle französischen Zahlen ab 70 so mordskompliziert zu gestalten?

Dabei muss man die Sprache auch nicht einmal unbedingt können. In Spanien habe ich wochenlang Computerteil-Listen ausgewertet, das war das einzige, was auch ohne viel Spanisch ging.

Womit wir genau beim Thema wären: Was in Deutschland als öder Hartz IV Job dazu führt, dass man sich am liebsten die Kugel geben möchte, bekommt in einem anderen Land eine ganz andere attraktive Dimension.

Weil man sich in einem neuen Land und einer neuen Kultur neu definieren, neu orientieren und neu behaupten muss. Selbst als Zahlentipper fühlt man sich "wie Gott in Frankreich". Man hat etwas erreicht, man hält durch, man behauptet sich gegen alle Umstände.

Vielleicht brauchen wir alle einfach mal wieder ein bisschen Überlebenstraininig zur Steigerung der Motivation und Belastbarkeit.

Obwohl der "Ich habe es geschafft - ich bin Supermann" Effekt so ziemlich sofort eintritt, wenn man am Gare du Nord seine erste "Carte Orange" gekauft hat, oder das Hertz-Rent-A-Car parking lot in am Flughafen in San Francisco verlässt, nachdem man dem Vermieter vorgelogen hat, man könne mit Automatik prima umgehen, ist das aber erst der Anfang. Irgendwann wird der Job besser, die Wohnung besser, die Sprachkenntnisse besser und die Leute nehmen einen irgendwann auch (fast) ernst. Das ist der Langzeiteffekt.

Vor unserem verschneiten Haus in Philadelphia mit meinen drei Kindern Emilio (9), Cecilia (6), Pier-Paolo (2).

Sich überall behaupten zu müssen, legt ungeahnte Kräfte frei, die das Selbstbewusstsein steigern. Man wird im wahrsten Sinne des Wortes "ein neuer Mensch".

Als neuer Mensch weit ab von Deutschland hat man nun die Freiheit, sich selbst neu kennen zu lernen. Überhaupt alles, aber auch alles neu zu definieren. Alles, was man bisher so automatisch mitgemacht hat, kann (muß) man jetzt hinterfragen. Meistens kommt bei so einer philosophischen Fragerei (Wer oder was bin ich eigentlich?) etwas sehr Interessantes heraus. Auf jeden Falls ist es AKTIVER als im Heimatland.

Hier nur mal ein kleines Beispiel: Wie feiern wir Weihnachten? Deutsch? Amerikanisch? Bolivianisch? Französisch? Man hat die Freiheit, sich ganz nach seinem Geschmack seine eigene Mischung zusammenzustellen. Oder man behält ganz einfach die gute alte Tradition bei. Der springende Punkt ist die Tatsache, dass man plötzlich die freie Wahl hat.

Wir feiern übrigens Weihnachten so deutsch, wie es in Amerika möglich ist, mit Omas und Opas Lebkuchen- und Marzipankartoffel-Care-Paketen aus Deutschland.

So wie man Weihachten neu definiert, so wird man auch neu definieren, wie man mit seinem Mitmenschen umgeht, seine Lebenseinstellung, seine Prioritäten, Lebensphilosophie, Arbeitsmoral, Kinderwunsch, etc.

Apropos Kinderwunsch: Ich hätte in Deutschland nie den Wunsch nach 3 Kindern verspürt. Während das in Deutschland fast nicht machbar ist, ist es hier in den USA eigentlich kinderleicht und vor allem völlig normal.

Vorher war man ein Deutscher auf Autopilot, jetzt fragt man sich "Wieso machen wir/mache ich das eigentlich so?" Gefällt mir das überhaupt? Bin ich nur ein Erziehungsprodukt meiner Eltern, meiner Schule und meiner Kultur? Das Ergebnis ist ja vielleicht auch kein schlechter Mensch, und die meisten sind ja auch völlig mit sich zufrieden. Aber wenn nicht? Was dann? Man kann im eigenen Land schlecht aus dem eigenen Ich und den guten (schlechten?) alten Traditionen ausbrechen.

Ein Auswanderer kann sich von jeder neuen Kultur das Beste aussuchen. Vielleicht machen die ja was besser als wir? Man muss ja nicht gleich amerikanischer werden als die Amerikaner. Aber nett und höflich im Umgang mit den Mitmenschen sein, auch wenn's nur geheuchelt ist, hellt doch den Alltag ungemein auf. "Have a nice day!" finde ich besser als "Es ist nur da was da ist!". Dabei ist es mir völlig egal ob das nun ernst gemeint ist oder nicht.

Und mal ein bisschen mehr Gefühle zeigen, weniger Stress und Hektik, weniger Ernst, mehr Lebenslust, mehr Flexibilität, mehr Menschlichkeit, das wäre doch toll. Und dann dieser Optimismus! Das steckt an.

Selbstständigkeit ohne Papierkrieg und Behördenwahn - in Deutschland unmöglich, in den USA eine Selbstverständlichkeit. Meine Firma geht nun schon ins siebte Jahr. Da kommt wirklich Optimismus auf.

Und plötzlich ist man selber belastbarer, fröhlicher, optimistischer und lebenslustiger und vor allem flexibler, und die Rückkehr nach Deutschland fällt von Jahr zu Jahr schwerer. Das ist dann der Lang-Lang-Langzeiteffekt.

Ob man wirklich auf Dauer fürs Auswandern geeignet ist, entscheidet "das große Loch", dazwischen, in das jeder irgendwann einmal fällt. Dann entscheidet sich, ob man bleibt oder nicht.

Natürlich gibt es auch Nachteile. Ein großer Nachteil, ist, dass man mit den Jahren den Kontakt zu Deutschland nach und nach verliert. Da passiert dann alles ohne Dich. Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen, Events, Mittermeyer Auftritte, etc. etc.
Man bekommt nicht mehr viel mit und hat manchmal das Gefühl, dass man nicht mehr weiß, wo man eigentlich hingehört. Man ist weder so ganz richtig Teil des alten Landes mehr, noch wird man je völlig eins mit dem neuen.

Noch schwieriger wird es, den Kinder zu erklären, wer sie eigentlich sind. Sie spüren genau, dass sie anders als die kleinen Amerikaner sind, aber Deutsche sind sie erst recht nicht, auch wenn jeder einen deutschen Pass hat. Vielleicht entscheiden sie sich später einmal? Mein Mann ist Bolivianer und Amerikaner zugleich und kann sich bis heute nicht entscheiden, und manchmal tut es ihm leid, keine eindeutige "cultural identity" zu haben.

Ich fühle ich mich auch nicht als Amerikanerin (bin ich ja auch nicht). Mein Pass ist noch deutsch. Ich bin immer noch Deutsche. Aber Deutschland ist mir inzwischen fast fremder als die USA. Ich kenne hier (fast) niemanden mehr. Ist irgendwie schon ein bisschen traurig.

Irgendwie ist jetzt mein Verhältnis zu Deutschland aber völlig anders als früher. Früher hatte ich keins. Oder denkt Ihr groß darüber nach, wer oder was Deutschland ist, wer oder was oder wie die Deutschen sind, was es hier für Traditionen gibt? Denkt je mal einer darüber nach, ob er gerne Deutscher ist? Das macht man ja bei uns nicht so gerne, oder? Ist alles irgendwie ein bisschen peinlich und unangenehm.

Wer auswandert, wird plötzlich mit seinem Nationalbewusstsein konfrontiert. Ob man nun will oder nicht, ob positiv, oder negativ, man wird plötzlich im täglichen Alltag dauernd mit den Unterschieden konfrontiert und ist gezwungen, Vergleiche anzustellen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Ob man nun verteidigt oder schlechtmacht, man denkt darüber nach. Dazu kommt dann noch ein gehöriger Schuss Nostalgie. Und fertig ist ein wahrscheinlich positiveres Deutschlandbild als es viele Inlandsdeutsche haben. Besonders, weil es in anderen Ländern völlig natürlich ist, sich positiv über sein Land zu äußern.

Dass ich also mit einem "D" Aufkleber an meinem Auto herumfahre, sagt viel aus. Und obwohl es oft sehr schwer fällt, das richtig zu erklären: ich finde Deutschland ist ein super Land und trotzdem bin ich ausgewandert. Paradox, nicht?


Petra Ergueta, geb. Kruse
Jahrgang 1985

Selbstständig (Internet-Buchhandel)
Verheiratet mit Javier (Lehrer für Geschichte und Philosophie, Gymnasium)
3 Kinder: Emilio (9), Cecilia (6), Pier-Paolo (2)

1985 -1986 West Kent College England
1986 Spanien
1989-1995 Frankreich (Beruf und Uni)
1995 - 2002 San Francisco, USA
ab 2002 Philadelphia, USA
 
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