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Johannes wird Filmstar Drucken
Geschrieben von Johannes Nichelmann   
„Wer bist Du? Nur Komparse?“
Johannes wird Filmstar

10 Euro am Tag bekommt Johannes dafür, dass er seinem Lehrer Heiner Lauterbach mit einem Chemiewagen ins Bein fahren darf. Als Komparse für eine RTL-Fernsehserie muss er erst noch lernen, dass Leute mit Headsets wichtig sind und dass Schüler – zumindest im Film – nur die Lippen bewegen, wenn sie sich unterhalten.


„Ja?“ „Hallo hier ist die Produktionsfirma bei der Du Dich für die Komparsenrolle beworben hattest.“ Wer? Frage ich mich. Dann fällt es mir ein. Ja, ich hatte mal im Internet davon gelesen, das Komparsen für eine neue RTL Comedy Serie gesucht werden. Ich habe mich beworben. Das ist bestimmt schon vier Monate her. „Ja, hast du Lust morgen zu drehen?“ „Klar habe ich!“ – sage ich schnell. Schließlich ist es sicherlich eine nette Erfahrung. Stars wie Heiner Lauterbach und Katrin Saß werden auch da sein höre ich. Am nächsten Tag also geht es in den Süden Berlins. Hier wird MITTEN IM LEBEN in einer Schule gedreht.

Angekommen bekommt man gleich zu spüren: Komparsen sind das Ende der Nahrungskette. „Entschuldigung, wissen Sie wo Judith ist?“ „Wer bist Du? Komparse? – weiß ich doch nicht!“ Judith, die Koordinatorin für jene Leute die im Bild zu stehen haben, habe ich dann später gefunden. Die gab mir einen Zettel zum ausfüllen. Name, Adresse und die Rechte abtreten. Unterschrift drunter. Auf zum Set – möchte man meinen. Nein warten. Ich warte nicht alleine, mit mir ungefähr 20 andere Jugendliche. Man unterhält sich – wartet. Erste Leute gehen, sie haben noch Termine. Nach gut einer Stunde und dreißig Minuten geht auch der Rest – zum Set.

Ein Schulgang. Ein paar Scheinwerfer. Da kommt ein wichtiger Mensch! Das sieht man gleich an seinem furchtbar professionellen Headset. Dieser junge Mann hat was zu sagen. Gekonnt gelangweilt, wir sind ja schließlich nur Komparsen, geleitet er uns zu unseren Plätzen. „Also ihr geht dann ganz einfach den Gang da hoch. Ihr bewegt aber nur die Lippen, nichts sagen! Okay! So schwer kann das ja nicht sein!“ Ist es wahrlich wirklich nicht. Nachdem wir gut fünf Mal den Gang auf und ab gelaufen sind ist das Bild schon im Kasten. Nächstes Bild, Umziehen! Selber Gang. Eine Aufgeregte, jedoch hoch sympathische Aufnahmeleiterin wirbelt um uns herum und positioniert uns. Doch Moment. Werden denn für diese Szene überhaupt Komparsen benötigt? Eigentlich unlogisch, dass Schüler im Gang stehen und sich ihrer Jugend erfreuen, wenn zwei Lehrkörper im Gang, gespielt von Heiner Lauterbach und Katrin Saß, seltsame Sachen machen? Nein – eigentlich würden alle Schüler blöd gucken und vielleicht sogar Lachen.

Also alle aus dem Bild. Flott, flott! „Zwei bleiben hier!“ Ich hatte das Glück zu den zweien zu gehören. Durfte ich den Gang noch einmal kreuzen. Vorbei an Katrin Saß, wie sie ein Gemälde in der Hand trägt. Mit einem Buch in der Hand – der andren Komparsin, natürlich nur Lippen bewegend, etwas daraus versuchen zu erklären. Das letzte Bild für den Tag. „So, nun könnt Ihr gehen! Flott, flott“ Nun unsere Gage wollten wir noch abholen, bei Judith. Mit ihren Tausenden von Blättern, die mit Tabellen bedruckt sind, sitzt sie an einem Tisch in der Aula. Kramt noch einmal unsere Zettel heraus. Den Empfang der Gage müssen wir quittieren. Zehn Euro waren es dann am Schluss. „Na, wollt Ihr wieder mal mitmachen?“ fragt die junge Frau und ich bejahe.

Am nächsten Tag klingelt wieder mein Telefon. Wieder dieselbe Stimme. „Du, hättest du Lust morgen vorbeizukommen? Du müsstest einen Chemiewagen durch die Gegend fahren.“ „Ja, klar!“ – antworte ich. Ein wenig Spaß macht das ganze ja und wie ich am nächsten Morgen feststellen konnte, war die mir angedachte Rolle diesmal wesentlich größer. Ich bekam ein T-Shirt, das ich mir anziehen sollte. Die Szenen spielen nämlich alle im Sommer. „Daher bitte Sommerliches anziehen.“ – sagte man mir schon beim ersten Telefonat. In meinem leicht zu kurzem – mit einem komischen Spruch: „Wo ist Pisa?“ versehenen T-Shirt wackelte ich also über das Gelände. Warten musste ich auch nicht lange. Zusammen mit einem anderen jungen Mann sollte ich einen Wagen schieben, auf dem allerlei Chemikalien standen. Mitten in eine Szene hinein. Heiner Lauterbach entriss ihn uns und warf ihn um. Bum. Doch bis wir soweit waren, dass wir drehen konnten, verging noch ein Weilchen. Alles aufbauen. Die Requisiten. Derweil bekamen wir Instruktionen von der Aufnahmeleitung: „Also wenn ihr das Stichwort hört, lauft ihr los. Dann Bum und ihr sagt so was wie: Wir waren das nicht! Er war es!“ Klar – verstanden. Jetzt durfte ich also auch was sagen. Das alles fing an Spaß zu machen. Heute waren auch alle wirklich nett zu uns. Sogar die Schauspieler sprachen mit einem und gaben Tipps wie man das „Wir waren es nicht! Er war es!“ besser sprechen könnte.

Dann bei einer der vielen Aufnahmen vergaß ich prompt meinen Einsatz. War mir schon peinlich. Aber Katrin Saß meinte, wäre halb so schlimm. Könne man ja schneiden. Die Szene wurde aus vielen Perspektiven gedreht. D. H. wir mussten unseren Wagen etliche male den Gang rauf schieben und unseren Satz sagen. „Cut – Mittagspause!“ ließ der Regieassistent verlauten. Das hieß für mich Feierabend. Schnell meine zehn Euro geholt und davon gefahren. Das Filmgeschäft ist schnelllebig. Im Frühjahr 2007 wird die Sendung ausgestrahlt. Mal gucken ob mein Satz drin ist.

 
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