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Ein Fernsehbeitrag entsteht Drucken
Geschrieben von Jana   
„Wir bilden nicht die pure Realität ab“
Wie ein Fernsehbeitrag entsteht

Mehr als dreieinhalb Stunden sitzen wir alle durchschnittlich am Tag vor dem Fernseher; wir schauen uns Spielfilme an, lassen uns vom neuesten Klatsch und Tratsch beeindrucken und informieren uns in Nachrichten über das Weltgeschehen. Wie aber entstehen Fernsehbeiträge? In unserer großen Reportage erfahrt ihr, wie es hinter den Fernsehkulissen zugeht.

Wir befinden uns im vierten Stock des RTL Nord – Gebäudes auf dem TVN Betriebsgelände. Es ist kurz vor neun Uhr. Noch „wuseln“ die insgesamt 14 RedakteurInnen, die heute anwesend sind, eilig durch das Großraumbüro. Bis zur täglichen Redaktionskonferenz in einer halben Stunde gibt es noch viel zu tun: Telefonate führen, Zeitung lesen, Themenideen sammeln und eine Kritik über die letzte Sendung verfassen. Dann, um halb zehn wird es schlagartig ruhig. Alle Anwesenden haben sich um den großen, runden Konferenztisch versammelt. Rechts von Chefredakteur Kay sitzt Sarah. Mit ihren 29 Jahren ist sie schon eine der erfahrensten und ältesten JournalistInnen der überwiegend weiblichen, jungen Redaktion.

Redaktionskonferenz bei RTLNord
- "Da müssen wir uns nicht auch als Kollegen noch ständig fetzen."


Macht heute mal jemand freiwillig Kritik?“ fragt Kay die Augen rollend, leicht belustigt, „gut, dann fange ich eben an.“ Ihm sei eine lockere, freundschaftliche Atmosphäre sehr wichtig, erzählt er mir. „In unserem Beruf als Fernsehjournalisten stehen wir alle ohnehin ständig sehr unter Druck. Da müssen wir uns nicht auch als Kollegen noch ständig fetzen.“ Von einem Notizzettel liest er die Kritikpunkte, die er sich zur letzten Sendung gemacht hat, ab.

Über eine in der Mitte des Tisches liegende Freisprechtelefonanlage ist die Redaktion mit dem RTL-Nord Hauptbüro in Bremen verbunden. „Da gibt es von uns nichts hinzuzufügen“, tönt es aus ihr heraus. Jeder der Redakteure hat einen Zettel vor sich liegen. Auf ihm sind alle Ereignisse aufgelistet, die in jedem Fall als Thema für die eigene Sendung oder andere RTL-/NTV- Magazine vorgesehen sind. „Ich würde gerne das mit dem neuen Kinofilm von Benno Fürmann machen. Da bräuchte ich heute um spätestens 15:00 ein Technikteam mit Kamera und Ton.“, sagt Sarah schnell, damit sie die erste ist, die sich für dieses vergleichsweise beliebte Thema meldet. „Und wenn ich das heute damit noch ins RTL Nachtjournal schaffen soll, brauche ich um 22 Uhr einen Schnittassistenten.“, fügt sie hinzu, während sie aufsteht und eilig zu ihrem Schreibtisch geht. Wie alle Redakteure verfügt sie über ein eigenes Agenturensystem, das ständig die neuesten DPA-Meldungen ausspuckt, einen internetfähigen Computer und ein Telefon. In ihrem Adressbuch hat sie die Nummer einer alten Bekannten gefunden, die ihr jetzt helfen soll, ein begehrtes Exklusivinterview mit den beiden Hauptdarstellern des Filmes, der heute in Braunschweig seine Premiere haben wird, zu bekommen.

Zwanzig Meter Luftlinie von ihr entfernt und vier Stockwerke weiter unten in einem anderen Gebäude, dem Aufenthaltsraum der sog. EB-Teams – schlendert gerade der Tonassistent Jaan ein. Er ist für den technischen Teil des Videos zuständig. Seit einem Jahr ist der 35-jährige bei TVN, der Dienstleisterfirma für RTL, angestellt. „Festen Beruf kann man das, was ich hier mache, momentan nicht nennen“, sagt er, „Ich kann froh sein, wenn ich die nächsten drei Monate hier überstehe ohne gefeuert zu werden.“ Der Bedarf an Tonassistenten und Kameramännern werde immer geringer, erzählt er. Frühere Auftraggeber wie beispielsweise Sat1 setzten nur noch selten auf ausgebildete Fachteams. Viel mehr sollen an deren Stelle in Zukunft so genannte Videojournalisten treten: „Videojournalisten sind in der Lage, das Material für ihre Beiträge mit Hilfe einer kompakten Kamera selbst zu filmen, zu arrangieren und auch zu schneiden.“, erklärt TVN Geschäftsführer Frank Hähnel besorgt, „Für die Auftraggeberfirmen wie beispielsweise RTL ist das natürlich viel kostengünstiger. Kameramann, Tonassistent und Cutter werden ja ersetzt durch eine einzige Person. Dass dabei die Qualität gezwungenermaßen stark sinken wird, müssen die in Kauf nehmen. Auch die Medienbranche steckt eben in einer finanziellen Krise.“

Im Herzen von Hannover
- das Medienzentrum am Steintor.

Direkt neben der Eingangstür hängt der Dienstplan. Ihm entnimmt Jaan, dass er um 15:00 Uhr zusammen mit dem Kameramann Whoktan und Redakteurin Sarah von RTL nach Braunschweig fahren wird. Mehr erfährt er nicht. Eine halbe Stunde vor der geplanten Abfahrt wird er beginnen, jedes einzelne der insgesamt über 70 Bestandteile der Technikausstattung in den Dienstwagen einzuladen. „Insgesamt fahre ich später mit beinahe 200.000 Euro durch die Gegend“, erzählt Jaan. Viel von dem, das er als Tonassistent tut, fordert größte Verantwortung. Bei einem einzigen durchschnittlichen Dreh entstehen Kosten von mehr als 3000 Euro. Niemand kann es sich erlauben, große Fehler zu machen. „In meiner Anfangszeit habe ich einmal vergessen, einen Ersatzakku für mein Tonaufnahmegerät mitzunehmen. Dafür musste ich mich dann beim Chef rechtfertigen und habe fast eine Abmahnung erhalten.“, erinnert sich Jaan. Er weiß nicht, dass ihm heute etwas Ähnliches passieren wird. Für jede Auftragsfirma gibt es ein eigenes Fahrzeug. Darauf bestehen die Firmen, die wie Sat1 und RTL untereinander teils stark konkurrieren.


Kurz vor 15 Uhr hat Sarah ihr letztes Telefonat mit der Organisatorin des Filmfestivals, über das sie heute einen Beitrag machen will, geführt. Sie ist beruhigt. Sie weiß, sie wird jetzt sicher ein Interview bekommen. Noch einmal geht sie alles durch, was sie im Internet über das Festival und einen Film namens ‚Merry Christmas’ erfahren hat. Schon jetzt hat sie als grobes Bild im Kopf, wie ihr späterer Beitrag aussehen wird. „Wir können uns nicht die Freiheit nehmen und sagen, wir bilden die pure Realität ab und lassen alles auf uns zukommen“, meint sie, „dazu haben wir weder Zeit, noch das Interesse unserer Zuschauer. Ein bisschen Inszenierung gehört so immer dazu“. Dann nimmt sie Notizzettel und Handtasche und geht in den TVN-Aufenthaltsraum. Dort ist Jaan gerade fertig mit dem Einladen der Filmausrüstung.

Es ist, als ob sich alle hier gut kennen. Freundlich begrüßt sich das heutige Team, bestehend aus drei Menschen mit ganz unterschiedlichen Charakteren. „Guten Morgen!“, sagt TVN Chefkameramann Whoktan freundlich und bestimmt. Alle hier duzen sich. Die kollegiale Atmosphäre aber kann nicht darüber hinweg täuschen, dass die Hierarchie eindeutig geklärt ist: Das Sagen hat der beauftragende Redakteur, manchmal fragt er den Kameramann um künstlerischen Rat. Der Tonassistent muss sich aus inhaltlichen Fragen vollständig heraushalten. Im Auto erklärt Sarah, was Inhalt des heutigen Drehs sein wird und bespricht mit Whoktan wichtige Abläufe und Kamerapositionen.


Sarah entspricht gänzlich dem gängigen Klischee einer typischen Boulevardjournalistin: Kurz vor der Ortseinfahrt von Braunschweig kramt sie ihr Schminkset aus ihrer Handtasche hervor und beginnt, ihr Makeup zu erneuern und ihre blondierten Haare zu kämmen. Dann zieht sie sich Abendschuhe an, die sie in einer Plastiktüte mitgenommen hat: „Die tun’ nach einer Stunde höllisch weh, deswegen habe ich die nicht die ganze Zeit an“, erzählt sie lächelnd. Für einen Journalisten sei es nicht damit getan, gut in seinem Handwerk zu sein; auch auf den Auftritt, den äußeren Eindruck komme es an. Das werde ich als Praktikant noch von vielen zu hören bekommen.

Am Drehort angekommen, lädt Jaan zwei Standscheinwerfer mit Stativ, ein Kameralicht, ein Tonaufnahmegerät, ein Mikrofon und einen Hochauflösungsbildschirm aus. Das hat Whoktan ihm aufgetragen. Nach 25 Jahren Berufserfahrung ist der 54-jährige immer noch ein Perfektionist. Auf jede Kameraeinstellung bereitet er sich minutenlang vor. Jede dunkle Ecke, jeder kleine Beleuchtungsfehler, verärgert ihn. Diese Einstellung passt nicht in den Gedanken von schnellem, billigem und personalreduziertem Fernsehjournalismus. Auch Whoktan weiß, wie ersetzbar er und sein Beruf heute sind. „Man muss perfekt sein, ihnen zeigen, dass sie ohne uns scheiße sind“, flüstert er mir beim Ausladen zu, als Sarah bereits in das Kino gegangen ist, um sich und das Kamerateam für den Dreh anzumelden.

Im Kino macht Whoktan erst einige allgemeine ‚Bilder’ vom Publikum und eine Außenaufnahme des Gebäudes. Dann muss das Team warten, bis die Hauptdarsteller Zeit haben für ein ausführliches, exklusives Interview. Vor einer Wand, die mit Motiven des Filmes plakatiert ist, bauen er und Jaan nun Kamera und Licht auf. Dann, nach einer halben Stunde muss alles ganz schnell gehen: Einer der Darsteller, Benno Fürmann, wird von seiner Managerin zum Team geführt. Ungeduldig sieht er Jaan beim letzten Auspegeln seines Tonaufnahmegerätes zu. Schließlich kann Sarah beginnen, ihre Fragen zu stellen. Den Blick auf ihren Notizzettel versucht sie zu vermeiden: „Die schönsten Antworten geben dir die Leute in einem spontanen, freundschaftlichen Gespräch“, erklärt sie mir. Nach zehn Minuten ist sie mit ihren Fragen fertig. Im Hintergrund schaut die wartende Managerin bereits nervös auf ihre Uhr.


Während Sarah sich gerade von ihrem Gesprächspartner verabschieden will, beginnt Jaan leise in Richtung seines Kollegen zu fluchen: „Whoktan, bitte raste jetzt nicht aus, aber da stimmt was mit meinem Ton nicht. Ich glaube, wir müssen das noch einmal machen.“ Jaan weiß: Solche Fehler dürfen nicht passieren; er wird die volle Verantwortung für diesen technischen Defekt übernehmen müssen. Freundlich bittet Sarah um eine Widerholung des Interviews. Diesmal klappt alles. Auf der Rückfahrt nach Hannover ist von der lockeren Atmosphäre wenig übrig. „Du kannst einfach gar nichts. Du bist eine einzige Enttäuschung“, sagt Whoktan leise zu Jaan. Auch die Beschimpfungen von Sarah lässt er über sich ergehen. „Es war ein langer Tag, wir standen ziemlich unter Druck. Da kommt so etwas leider manchmal vor“, erklärt die mir am nächsten Tag. Für Whoktan und Jaan endet der Auftrag schließlich mit der Abgabe des gedrehten Materials auf einer Videokassette. „Trotzdem einen schönen Abend noch euch beiden“, sagt Sarah. Dann öffnet sie die Autotür und eilt das Treppenhaus hinauf in ihre Redaktion.

Während Sie das Videomaterial sichtet, notiert sie sich von allen Szenen, die sie für ihren Beitrag verwenden will, einen Timcode. Mit diesen Notizen begibt sie sich dann an ihren Computer, an dem sie jetzt eine erste Fassung ihres Fernsehbeitrages erstellt. Jedes einzelne Zitat aus den Interviews, den Sprachkommentar und alle Szenen ordnet sie hier chronologisch an. Schon nach einer Viertelstunde ist sie fertig. Obwohl sie zu den wenigen gehört, die das Schnittprogramm AVID, das von den meisten Fernsehsendern eingesetzt wird, beherrscht, schneidet sie lieber gemeinsam mit einem professionellen Cutter: „Es geht einfach so viel verloren, wenn wir die Beiträge alleine schneiden müssen“, sagt sie „man kann sich nicht auf Inhalt und Technik gleichzeitig konzentrieren.“

Cutter und Journalistin im Schnittraum
"Es ist schon ein bisschen gemein."


Also nimmt sie das eben aufgenommene Videomaterial und ein Presskit, eine DVD, mit für die Presse bestimmten Szenen aus dem Film, und geht in den benachbarten Schnittbereich, der zur Firma TVN gehört. Dort wartet bereits Chefcutter Marc auf sie. Die beiden kennen sich schon über drei Jahre, verstehen sich gut. Marc weiß, was Sarah will, worauf sie Wert legt. Mit dem Computerprogramm AVID liest er über ein Aufnahmegerät genau die Filmausschnitte ein, die Sarah sich vorher notiert hat. Währenddessen erklärt sie ihm den Inhalt und die Dramaturgie ihres Beitrages. „Dann klatschen wir dir da mal was zusammen“, sagt Marc betont locker. Auch er befindet sich in einer Zwickmühle: „Es ist schon ein bisschen gemein“, sagt er später, „auf der einen Seite sollen wir den Redakteuren beibringen, wie das Schneiden funktioniert. Das machen wir auch gerne. Nur wissen wir, dass wir uns genau damit überflüssig und arbeitslos machen.“

Er beginnt, die eingelesenen Szenen mit gezielten Klicks und Tastenkombinationen nach Sarahs Vorstellungen aneinander zu reihen. Immer wieder liest sie dabei ihren Sprachkommentar „drüber“, wie Marc es nennt, und korrigiert ihre Textfassung. Erst als alles stimmt, übergibt sie den Text ihrer Kollegin Sylvia. Nach einem zweijährigen Training hat die jetzt eine ausgebildete Stimme und darf den so genannten Off-Text sprechen. Dazu geht sie in eine abgeschlossene, schalldichte Kabine. Dann ist der Beitrag fertig.


Bis zum Nachtjournal von RTL ist gerade noch eine Viertelstunde Zeit. Eilig geht Marc in den benachbarten Überspielraum. Dort überspielt er die digitale Filmdatei, auf die er dank eines internen Netzwerkes sofort Zugriff hat, über ein Hochleistungsnetz der Telekom in die Sendezentrale nach Köln.

Zwanzig Minuten später kann Sarah endlich entspannen: Die drei Minuten ihres Beitrages, die sie heute einen ganzen Tag lang beschäftigt haben, sind soeben im Fernsehen gesendet worden. Es ist bereits kurz nach Mitternacht. Es war ein langer Arbeitstag heute; kein ungewöhnlicher. Was morgen ihr Thema sein wird, das weiß sie noch nicht. „Man muss halt flexibel sein“, seufzt sie lächelnd.
 
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