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Der Osterhase Drucken
Geschrieben von Jana   
"Das ist ein jämmerliches Fest geworden"
Der Osterhase im Interview

Es war wohl eher Zufall, dass wir Mister Ostern persönlich treffen konnten. Depressiv, im Hohlraum einer Wand in einer Lüneburger Kneipe. Und er erinnerte so überhaupt nicht an die Vorstellung des lieben und netten Häschens von nebenan. Stattdessen saß uns ein depressives Wesen gegenüber, das sich mit letzter Kraft an der Schnapsflasche festhielt. Exklusiv im Pfeil räumt der Osterhase mit dem Mythos um sein Wesen auf.


Dass wir Sie hier treffen, hätten wir nicht gedacht!

Hallo! Willkommen bei mir! Bitte sucht euch doch einfach irgendetwas zum Sitzen, ich bekomme nicht so oft Besuch. Als gescheiterter Künstler hat man es nicht immer leicht.

Der Osterhase im Garten - "gescheiterter Künstler"

Der Osterhase, ein gescheiterter Künstler? Wie kommen Sie darauf?


Nun ja, der Osterhase ist schon lange nicht mehr das, was er einmal war. Der Stand des Osterhasen hat sich gewandelt, heute ist er einzig und allein Mittel und Zweck der Konsumgesellschaft. Sehen sie die ganzen Ostereier hier...

Ja, hier liegen ja so viele herum, da kann einen ja schon vom Hingucken schlecht werden. Kommen die einem denn nicht irgendwann aus den Ohren heraus?

Ja, Sie haben Recht. Manchmal denke ich echt, dass ich von hier fliehen sollte; dahin, wo alles besser ist. Aber so ist es nun mal: Ich bin Osterhase, es ist meine Bestimmung, wenn auch gegen jedes Naturgesetz. Ein Hase hält nichts von Eiern. Das ist doch pervers.

Sind Ihre Ernährungsgewohnheiten denn da wenigstens normal geblieben? Sind Sie, wie andere Durchschnittshasen, Vegetarier oder hat Sie Ihr Leben hart gemacht? Vielleicht passend zu Ostern einen Hasenbraten?

Nein, Gott bewahre. Ich esse doch keinen Hasen, ich bin doch kein Kannibale! Aber gut, wenn ich ehrlich bin, dann hab ich wohl doch schon mal von einem gekostet. Das war aber unbewusst, ich habe erst hinterher erfahren, was das war. Hat aber eigentlich einen guten, sehr würzigen Geschmack gehabt. Aber nachdem ich mir dann klar gemacht hatte, dass ich selber genau so schmecken würde – nein, da war es vorbei!

Apropos Gott! Glauben sie persönlich an 'den da oben'? Schließlich ist der ja an Ihrer Misere
Schuld, wenn man es so will…

Da bin ich mir nicht sicher. An manchen Tagen denke ich, dass es eine Art übernatürliches Wesen geben muss. Zum Beispiel, wenn ich urplötzlich eine neue Idee für eine Ostereiersorte haben. Aber dann, an den anderen Tagen – meistens nehmen diese Tage fast das ganze Jahr ein – fällt mir das mit dem Glaube sehr schwer. Da verkündet der Papst, dass alles Neue schlecht und Gentechnik eine einzige Sünde sei. Und jetzt, gerade zu Ostern, da kann man doch als halbwegs normaler Hase einfach nicht glauben. Ein Mensch, der einfach aus dem Tod wieder ins Leben tritt? Nein, nicht mit mir!

Ich finde die Menschen schon komisch, wenn Sie diesen ‚Gott’ für einen guten Vater halten, wenn er seinen eigenen Sohn an ein Kreuz nageln lässt und ihn dort elendig sterben lässt.

Natürlich ist es nicht angemessen, wenn ein kleiner Hase wie ich, der ihm seine Exisitenz verdankt, solche Fragen stellt. Sehen wir es also doch mal positiv: Ohne diesen Vorfall hätte sein Sohn es nie zu einer solchen Berühmtheit gebracht…

Höre ich da etwa Neid?

Ach, wissen Sie, mir glaubt doch keiner mehr. Mit drei oder vier Jahren werden die Kinder davon abgebracht, an mich zu glauben. Die meiste Zeit des Jahres bekomme ich gar keine Beachtung. Lediglich eine Woche im Jahr befasst man sich noch mit mir. Jesus und Gott hingegen sind Persönlichkeiten - wenn ich das so sagen darf - die, selbst bei ungläubigen Menschen, immer in irgendeiner Art und Weise präsent sind.

Als Osterhase haben sie ein ziemlich unschuldiges Image. Alles nur Fassade?

Entschuldigen Sie, aber ich verstehe nicht. Was soll denn ein Image sein?

Von der Gegenwart längst eingeholt - echte Eier im Osternest.
In diesem Fall würden die Leute denken, Sie seien dumm.

Ah, ich verstehe. Ich glaube, die Leute denken, ich würde den ganzen Tag durch die Gegend hoppeln, Gras fressen und in Grasbüscheln Ostereier verstecken. Und ich denke, dass sie die Vorstellung haben, dass ich süß und lieb bin. Aber nun, um die Wahrheit zu sagen, ich bin manchmal richtig unausstehlich. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich keine Frau abbekommen habe. Aber Alleinsein hat auch viele Vorteile: Ich kann aufräumen, wann ich will – meistens gar nicht- und keiner meckert rum, wenn ich mich nur einmal im Monat wasche.

(Anmerkung der Redaktion: Vor uns sitzt ein kleiner, dicker Hase, mit fleckiger Kleidung und popelt sich in der Nase.)

Abends gehe ich meistens mit `nen paar Kumpels einen trinken. Fängt eigentlich immer ganz harmlos an, endet aber meistens im Striplokal. So ein netter, alter Mann – immer tausend süße Miezen um sich rum – hat sich sogar ein Bild von mir aufs T-Shirt drucken lassen. Das tragen die in der Szene jetzt alle.

Stichwort Hasenleben, wir sieht denn so ein Osterhasenleben in Wirklichkeit aus? Die Ostereier werden von Fabriken gefertigt, in Supermärkte gebracht, gekauft und dann von den Eltern im Garten verteilt. Was arbeiten Sie denn da überhaupt noch?

(Fängt bitterlich an, zu weinen; wir unterbrechen das Interview für zehn Minuten.) Ja, Sie haben schon Recht. Meine Konkurrenz hat mich geschlagen. Früher hat es jedem Kind gereicht, ein liebevoll gestaltetes Osterei zu bekommen. Durch diesen ganzen Kommerz wollen sie jedoch immer und immer mehr. Ich komme da nicht mehr mit. Das nutzen die Fabriken natürlich aus und verdrängen mich weiter. Sie interessiert überhaupt nicht, dass die junge Generation immer dicker wird. Ich dagegen...

Sie waren natürlich am Gesundheitswohl interessiert und haben deswegen nur ein Osterei verteilt, habe ich Recht?

Sicher,...

...Und was passiert mit diesen ganzen Ostereiern, die hier überall rumliegen?

In der Nacht zum Karsamstag packe ich alle Ostereier in einen großen Sack, sodass alle denken, ich gehe los und verteile an jedes Kind eines. Doch das ist schon lange nicht mehr die Realität. Denen würde es ja noch nicht einmal auffallen, wenn zwischen den gekauften ein Ei von mir liegen würde. Warum soll ich mir da die ganze Mühe machen? Nein, ich gehe zum nächsten Supermarkt, deaktiviere die Alarmanlage und lege meine Eier einfach zu den restlichen.

Damit bekommen die Kinder meine Ostereier, wenn auch unbewusst. Und von dem Geld, das ich damit verdienen könnte, nehme ich mir ein paar Flaschen Schnaps mit, zum Feiern.

Und was feiern sie dann? Ihren Diebstahl?

Oh nein, ich feiere, dass dieses jämmerliche Ostern wieder vorbei ist und hoffe, dass das nächste Jahr gar nicht erst kommt.

Vielen Dank für dieses ehrliche Interview. Möchten Sie abschließend noch etwas sagen?

Oh, was? (Anmerkung der Redaktion: Der Osterhase genehmigt sich einen Schluck aus der Schnapsflasche) Ja, schöne Ostern euch allen. Und vielleicht ist ja doch ein Osterei von mir dabei. Aber wen kümmert's...
 
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